Samstag, 6. November 2010

Talita ist mein zweiter Roman. Bevor ich einige Leseproben veröffentliche, möchte ich hier eine der Hauptpersonen vorstellen, die Powerfrau aus Persien. Ich habe sie und ihren Ehemann während des Studiums kennen gelernt.
Das also ist Mahmonir








Diese beiden Photos sind etwa 30 Jahre alt und während unserer Studienzeit entstanden.

Ich frage mich, ob es auch im Iran der heutigen Zeit noch solche Menschen gibt.

Leseprobe 1:

Du kannst doch jetzt nicht in die Koje gehen, meint Monika vorwurfsvoll.
Doch, kann ich.
In den Speisewagen wirst du uns wohl noch begleiten können.
Wenn’s unbedingt sein muss.
Ein Professor hat auch gewisse gesellschaftliche Verpflichtungen, die er nicht vernachlässigen sollte, setzt Michael noch eins drauf.
Vernachlässige du mal nicht deine Diplomarbeit und vor allem, verbünde dich nicht immer mit Monika.
Das ist jetzt aber unfair. Wir sind schließlich nicht mehr an der Uni. Im Augenblick ist Privatleben angesagt. Weißt du überhaupt, was der Begriff bedeutet? "Privatleben" oder auch "Freizeit".
So etwas wie planlos rumhängen, Zeit vergeuden, nutzlose Dinge tun.
Manchmal glaube ich, du bist gar kein Mensch sondern irgend so ein Alien.
Noch ne letzte Chance, geht Monika dazwischen. Kennst du das Wort "genießen".
Klar. Dem eigenen Intellekt vorgaukeln, dass stundenlanges Essen oder Faulenzen essentielle Charakterzüge des Homo sapiens seien.
Komm Michael, wir lassen diesen Untermenschen einfach stehen.
Sie zieht ihn hinter sich her in Richtung Speisewagen.
Heh, ihr könnt mich doch nicht wirklich hier stehen lassen.
Können wir! Macht sogar Spaß! Wir genießen das!
Sieht fast danach aus.
Sie streckt ihm die Zunge raus.
Monika, wenn ich dich erwische.
Marcus rennt hinter seiner flüchtenden Mitarbeiterin her. Erst im Speisewagen bekommt er sie zu fassen.
Du wirst dich nicht an einer wehrlosen Frau vergreifen.
Doch. Erstens bist du nicht wehrlos und zweitens keine Frau, sondern meine Mitarbeiterin.
Er fällt über sie her und kitzelt sie ohne Erbarmen.
Ihr lautes helles Lachen reißt einige der vornehm speisenden Fahrgäste fast von den Sitzen.
Ein übertrieben gut gekleideter, älterer Herr, der in Begleitung einer viel zu jungen Blondine ist, erhebt sich von seinem Platz und baut sich drohend vor Marcus und Monika auf.
Ihr Rotzlöffel, herrscht er sie an, verschwindet in das Loch, aus dem ihr herausgekrochen seid.
Er winkt eine der Zugbegleiterinnen zu sich.
Schaffen Sie bitte dieses Pack hier heraus.
Totenstille im Speisewagen. Keiner isst mehr. Alle beobachten sehr interessiert die Szene.
Die Dame vom Zugpersonal schaut Monika und Markus übertrieben streng an und wendet sich an den empörten Herrn.
Darf ich vorstellen, sagt sie mit süffisanter Stimme, Frau Doktor Monika Reutter und Herr Professor Doktor Marcus Stein. Und wer sind Sie eigentlich, wenn ich fragen darf?.
Ein arrogantes Arschgesicht, tönt es von einem der hinteren Tische.
Lautes Gelächter.
Der Mann macht auf dem Absatz kehrt und stampft mit hochrotem Kopf zurück an seinen Platz.
Danke, flüstert Marcus der Frau ins Ohr.
Sie lächelt.
Keine Ursache, darf ich Sie zu Ihrem Tisch bringen?

Leseprobe 2:
Drei Tage später betritt Marcus wieder die Universität. Und dort erwartet ihn eine Überraschung.
Womit keiner rechnete ist nun doch eingetreten. Es gibt eine Bewerberin für eine Diplomarbeit.
Jetzt erzähl schon, Monica. Wer ist die mutige?
Die Studentin aus Persien.
Das ist doch die beste des gesamten Jahrganges.
Du kennst Sie?
Ja und ich will sie nicht.
Wieso?
Die läuft sogar im Hochsommer hochgeschlossen und mit Kopftuch oder so was ähnlichem herum.
Seit wann interessierst du dich für Äußerlichkeiten? Ausgerechnet du! Das Mädchen ist hoch intelligent und sehr, sehr fleißig. Wir dürfen froh sein, dass sie zu uns kommen möchte. Und wenn dir in all den Jahren nicht einmal mein Dekolletee aufgefallen ist, dann sollte dich ein Kopftuch auch nicht stören. Das ist absolut diskriminierend und passt so gar nicht zu dir.
Monica! Nicht in diesem Ton. Immerhin bin ich so etwas wie dein Vorgesetzter.
Um so schlimmer für dich!
Was soll das wieder heißen?
Ganz einfach. Einen Vorgesetzten muss man achten können. Heutzutage ist es üblich, dass Vorgesetzte ihre fachliche und soziale Inkompetenz durch Arroganz, gepaart mit erzwungener Autorität kompensieren. Willst du dich mit dieser kleinkarierten Denkweise da einreihen?
Monica, du machst mich wahnsinnig!
Das ist keine Antwort. Was spricht gegen unsere Bewerberin?
Na gut. Ich habe gewisse Probleme mit Themen wie Religion oder Politik. Beides ist nicht meine Welt und das soll auch so bleiben. Ich gehe davon aus, dass ich gezwungen sein werde, mich damit auseinander zu setzen, sobald sie in der Arbeitsgruppe ist.
Na und! Was ist falsch daran?
Alles! Hier in diesen Räumen geht es ausschließlich um Wissenschaft. Ich werde nur einverstanden sein, wenn das dabei bleibt.
Das musst du ihr schon selbst sagen. Sie möchte sich nachher offiziell vorstellen.
Auch das noch!
Marcus, reiß dich endlich zusammen!
Na gut. Wann wird sie da sein?
Sobald du Zeit für sie hast.
O.K. In zwei Stunden in meinem Büro. Aber du musst unbedingt dabei sein.
Bin ich. Wenn ich recht informiert bin, darf sie nicht mit dir allein im Zimmer sein.
Was ich gesagt habe. Die Probleme beginnen schon.
Marcus, das sind doch Kleinigkeiten. Daran gewöhnst du dich.
Bestimmt nicht!
Er verlässt das Zimmer und donnert die Tür hinter sich zu.
Monica schüttelt den Kopf.
Starrköpfig und voreingenommen.
Mit finsterem Blick sitzt sie an ihrem Schreibtisch.
Ein zögerliches Klopfen an der Tür reißt sie aus ihren Gedanken.
Bitte kommen Sie, ruft Monica.
Guten Tag, Frau Doktor Reutter. Entschuldigen Sie bitte die Störung, doch Sie sagten, dass ich wegen des Termins zu Ihnen kommen darf.
Mit gesenktem Kopf steht das Mädchen in der Tür. Kopftuch, recht weite Kleidung.
Kommen Sie doch bitte herein.
Vielen Dank.
Professor Stein hat um 14 Uhr Zeit für Sie. Falls Sie bis dahin nichts vor haben, könnten wir uns ein wenig unterhalten.
Das würde ich sehr gerne tun.

Mahmonir ist in sich zusammengesunken. Sie zeigt keinerlei Reaktion.
Sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!
Er packt sie am Kinn und reißt ihren Kopf hoch.
Schau mich an oder ich schlag dich tot.
Doch plötzlich reagiert sie, aber ganz anders als erwartet.
Ruckartig strafft sie ihren Körper. Stolz und trotzig schaut sie ihn an. Als er sich zu ihr herunterbeugt, spuckt sie ihm ins Gesicht.
Sofort schlägt er wieder zu.
Mahmonirs Lippe platzt auf. Sie spuckt das Blut aus, hebt stolz ihren Kopf  und erwartet voller Verachtung den nächsten Schlag.
Doch der kommt nicht. Stattdessen schreit der Kerl vor Schmerzen und starrt fassungslos auf seine Hand.



Senatorin, du kennst die Menschen aber schlecht. Ich werde dir demonstrieren, wieviel Feigheit in den Männern steckt.
Mit diesen Worten reißt er das Mädchen vom Sitz hoch. Beide stehen nun gut sichtbar vor den Passagieren. Langsam zieht er seinen Gürtel aus.
Leute, ihr bekommt eine kleine Abwechslung. Ihr dürft zusehen, wie ich das kleine Biest mit diesem Gürtel bestrafe. Seht genau her. Mein Gürtel hat eine sehr schöne schmiedeeiserne Schnalle und am anderen Ende eine tolle Verkleidung aus dem gleichen Material. Jetzt werdet ihr live erleben, was das Ding auf einem Mädchenkörper für interessante Spuren hinterlässt. Ich werde erst aufhören, wenn die Zicke krepiert ist. So, jetzt genießt die Show.
Er zerreißt ihr die Bluse und holt zum ersten Schlag aus.
Ach ja, falls euch das zu brutal ist, hätte ich einen Vorschlag. Welcher Mann will an ihre Stelle treten? Wer will ihr das Leben retten und seines dafür verlieren?
Senatorin, schau dir die Kerle an, wie sie sich drängeln. Ich lach mich kaputt, keiner hat Mumm. Dann verabschiede dich von der Göre.
Der markerschütternde Schrei der Mutter erfüllt den ganzen Raum.
Bitte nehmen Sie mich und lassen mein Kind am Leben!
Das könnte dir so passen! Du sollst mit diesen Bildern nachts aufwachen und nicht als Heldin sterben! Außerdem hätten wir beide nichts davon, du würdest vor Schmerz zu schnell ohnmächtig werden. Vergiss es!
Wieder holt er zum Schlag aus.
Halt!
Mitten in der Bewegung hält er inne.
Sieh an, sieh an. Dann komm mal zu mir, mein Junge.
Marcus, du bist verrückt, flüstert Monica. Bleib hier! 



Genau. Tu es und du wirst staunen.
Aber es wiederstrebt mir, mich zu sehr zu verändern. Mein Glaube...
Ist er so schwach, daß er damit nicht zurecht kommt? Zweifelst du?
Keineswegs! Persische Frauen sind stolz und...
Ängstlich?
Nein!
Wenn dein Glaube nur in einer geschützten Umgebung stark ist, dann ist er ein Nichts!
Du bist gemein!
Und du verschließt dich vor der Wahrheit. Ich bin ehrlicher und frei von Illusionen. Ich suche mein Heil nicht in einer virtuellen Glaubenswelt sondern in Beziehungen zu realen Individuen. Dabei bin ich schon mehr als einmal auf die Schnauze gefallen. Aber ich stehe dazu und mache mir nichts vor. Du hingegen wirst mit der Zeit schrullig und einsam.
Wie kannst du nur so etwas sagen?
Mahmonir hat Tränen in den Augen.
Heulen nützt auch nichts. Rück rüber, doofe Kuh.
Tina legt den Arm um sie und drückt sie an sich. Sie nimmt eine Träne mit der Fingerspitze auf und führt sie zu den Lippen.
Merkwürdig, persische Tränen schmecken wie deutsche.
Ach Tina, ich mag dich, aber manchmal ist es verdammt schwer, es nicht zu vergessen.








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